Presse, NRZ 18.11.2020

Jan Mittelsdorf, Trainer des Handball-Verbandsligisten HSG Wesel, äußert sich im Interview zur prekären Lage, Corona und Nackenschlag im Sommer.

Der letzte Auftritt der HSG Wesel liegt mittlerweile mehr als fünf Wochen zurück. Damals leistete sich der Handball-Verbandsligist eine deftige 24:33-Heimklatsche gegen den Tabellenletzten SV Neukirchen. Es schlossen sich die Herbstpause, die vom Handballverband Niederrhein (HVN) angeordnete Auszeit für weite Teilen des Novembers, der Teillockdown und die Entscheidung des HVN, auch im Dezember zu pausieren, an. Über den bisherigen Saisonverlauf, die Erwartungen für die restliche Spielzeit und Nackenschläge im Sommer sprach die NRZ mit Jan Mittelsdorf, Trainer des Tabellendrittletzten.

Die Handballer sind mal wieder im Lockdown und dürfen nicht spielen. Das ist für einen Trainer eine schwierige Situation, oder?

Jan Mittelsdorf: Keine Frage, wir haben ja schon im März dieses Jahres gesehen, wie schwer es ist, mit einer solchen Situation umzugehen, als direkt Feierabend war bis zum Saisonende. Jetzt sind wir ein wenig erfahrener im Umgang mit diesem Lockdown, was die Sache aber nicht besser macht. Die Spieler sitzen zu Hause, langweilen sich und würden viel lieber spielen. Das ist schwer, aber zu akzeptieren.

„Der falsche Ansatz und ein völlig falsches Zeichen“

Ärgerlich deshalb, weil die Klubs doch alles in ihrer Macht Stehende getan haben, um die Voraussetzungen für einen regulären Spielbetrieb zu schaffen…

Die Vereine waren und sind engagiert in diesem Punkt und haben frühzeitig gegengesteuert. Sie haben die Hygienevorschriften peinlich genau umgesetzt und ins Tagesgeschäft eingebunden – mit der Maskenpflicht, mit entsprechenden Maßnahmen und mit dem teilweise oder kompletten Verzicht auf Zuschauer. Aber wenn selbst bei der Nationalmannschaft, wo sicher noch ganz andere Möglichkeiten herrschen, diese Dinge nicht zu kontrollieren sind, wie sollen wir Amateure eine Sicherheit gewährleisten. Wir haben lange diskutiert, aber es wird keine lückenlose Kontrolle geben.

Der Handballverband Niederrhein hat in vorauseilendem Gehorsam den Spielbetrieb vorzeitig bis zum Anfang des nächsten Jahres auf Eis gelegt. Ist das in Ordnung für Sie?

Wenn man die aktuellen Zahlen betrachtet, ist das richtig. Selbst die Bundesregierung wirkt hier und da ratlos im Umgang mit der Pandemie. Und in den Sportverbänden möchte sich verständlicherweise niemand vorwerfen lassen, zu spät gehandelt zu haben. Jetzt weiterzumachen, wäre der falsche Ansatz und ein völlig falsches Zeichen.

„Aktuell weiß niemand, wie es weitergehen kann“

Ihre Mannschaft dürfte über diese Saisonunterbrechung angesichts der prekären Tabellensituation nicht unzufrieden sein…

Das kann man so sagen. Wir sind sportlich in einer Situation, wo wir uns über diese Zwangspause nicht beklagen. Allerdings können wir in dieser Zeit so viel auch nicht machen. Aktuell weiß niemand, wie es weitergehen kann, selbst beim Verband herrscht tiefe Ratlosigkeit. Dieser Break ist für uns aber nicht doof, weil wir uns ein wenig sammeln können.

Wieso ist die HSG überhaupt in diese missliche Lage geraten?

Angesichts unseres kleinen Kaders war uns allen klar, dass wir gegen den Abstieg spielen werden. In der vergangenen Saison schlossen wir zwar als Siebter ab, aber unter gänzlich anderen Bedingungen. Wir hatten andere Spieler, und damit auch andere Möglichkeiten. Zudem laboriert unser Kapitän Daniel Weber – eine zentrale Figur in unserem Spiel – seit vielen Wochen an massiven Rückenproblemen, für die es noch keine Lösung gibt. Unter dieser Prämisse ist es gut, nun die Zeit zu haben, unsere Leute wieder auf die Beine zu bringen.

„Die meisten wollen lediglich ihren Spaß haben“

Sie haben zudem im Sommer mit Fabian Hoffmann einen ganz wichtigen Spieler verloren, der Ihnen wenige Wochen vor Saisonstart einen Korb gegeben hat…

Das hat uns hart getroffen. Aber wir haben das mittlerweile angenommen. Wir kennen das ja: Schon in den letzten Jahren haben wir letztlich immer irgendwie etwas hingeschraubt. Aber es stimmt: Der Kader wird immer dünner.

Ist die HSG nicht mehr attraktiv für Spieler?

Wenn ich das wüsste, könnte ich da ansetzen. Grundsätzlich ist es schwierig geworden, junge Menschen für den Mannschaftssport zu begeistern. Diese Verpflichtungen von Training und Spiel muss man erst einmal wollen. Die meisten kommen in die Halle und wollen lediglich ihren Spaß haben. Das sollen sie auch, aber darüber darf der Leistungsgedanke nicht verloren gehen.

„Ganz andere Sorgen als Handball“

Da setzen manche andere Prioritäten…

Dieses Problem hat ja nicht allein die HSG. Das geht dem Handball und vielen anderen Sportarten ähnlich. Wir als HSG investieren viel in die Jugend. Wir haben zahlreiche Trainer, die mit Herzblut an die Sache gehen, aber wenn die Jungs und Mädels sich beruflich verändern oder nach dem Abi zum Studium nach Berlin oder sonst wo hingehen, wird es eben eng. Und mit Corona ist es noch einmal schwieriger.

Haben Sie Ihren Spielern Aufgaben mitgegeben?

Da ist in erster Linie jeder selbst verantwortlich. Ich hoffe, meine Jungs nutzen die Pause, um laufen zu gehen. Wir haben natürlich auch über individuelle Programme gesprochen, was jeder für sich tun kann. Aber wir bewegen uns im Amateursport. Da kann ich niemandem Vorschriften machen. Ich stehe mit allen meinen Spielern über WhatsApp oder über persönliche Telefonate in Kontakt. Aber ich kann nur hoffen, dass jeder weiß, was er zu tun hat und in einem guten Fitnesszustand zurückkommt. Ich weiß zugleich jedoch auch, dass viele in beruflicher oder familiärer Hinsicht ganz andere Sorgen als Handball haben. Ich versuche nur, sie zu unterstützen und sie bei der Stange zu halten.

„Englische Wochen nicht der richtige Ansatz“

Sollte am 1. Dezember der Lockdown aufgehoben werden, legt die HSG dann wieder los?

Sofort! Wenn die Möglichkeit besteht, trainieren wir wieder. Schließlich werden wir nach der Pause ganz sicher nicht einfach da ansetzen können, wo wir aufgehört haben. Ich hätte aber auch vollstes Verständnis für jeden, der wegen großer Sorge dann nicht sofort zurückkommen möchte. Dennoch: Sobald der Verband es erlaubt und die Stadt die Halle wieder öffnet, werden wir trainieren.

Wie groß ist Ihre Zuversicht, dass diese Saison unter regulären Bedingungen zu Ende gespielt kann?

Das wird nicht passieren. Uns fehlen ja jetzt schon sieben Spiele. Und selbst, wenn wir Anfang Januar wieder den Spielbetrieb aufnehmen, müssten wir bei noch 22 ausstehenden Begegnungen bis in den Sommer hinein spielen.

Wäre es denkbar, mit englischen Wochen zu arbeiten?

In der Verbandsliga ist das wohl kaum möglich, weil viele Spieler unter der Woche job- oder studienbedingt nicht vor Ort sein können. Es käme dann dazu, dass viele Mannschaften die Hälfte und mehr ihrer Spieler nicht zur Verfügung hätten. Das ist ganz sicher nicht der richtige Ansatz.

Also wird es einen Abstiegskampf unter schwierigen Vorzeichen geben?

Unser Plan ist es, alles daran zu setzen, dass wir den Klassenverbleib schaffen. Inwieweit uns das gelingt, kann ich nicht vorhersagen. Aber ich bleibe absolut optimistisch, weil wir in der Vergangenheit immer irgendwie die Kurve bekommen haben. Ich von meiner Seite werde alles dafür tun.